Crowdsourcing für Informationen auf Twitter

Published by Jonathan on Mi, 06/08/2011 - 18:19 in

Das Phänomen Twitter verstehen vielleicht nur wenige Menschen. Was üben Kurznachrichten mit 140 Zeichen für einen Reiz aus? Warum gehen Informationen auf Twitter nicht einfach unter? Als die Welt auf die Ansprache des US-Präsidenten wartet und noch nicht weiß, dass Osama bin Laden tot ist, zeigte der Dienst einmal mehr, was er kann...

“Spiegelleser wissen mehr”. Mit diesem Slogan warb lange Zeit das Nachrichtenmagazin der Spiegel. Wenn man den Social Media Dienst Twitter betrachtet, dann müsste es manchmal heißen: “Twitterleser wissen mehr!”

Ein relativ aktuelles Beispiel ergab sich am ersten Mai. Das Weiße Haus in Washington hatte ein Sonderansprache des Präsidenten angekündigt. Wie in allen anderen Netzwerken auch begann auf Twitter das Rätselraten: Was würde der Präsident verkünden? Schnell kristallisierten sich einige favorisierte Vermutungen heraus. Eine davon war, Lybiens Noch-Staatschef Gaddafi gibt auf. Eine andere, etwa genauso oft getwitterte: Osama bin Laden ist tot.

Die Tatsache, dass die Twittercrowd sich auf zwei Vermutungen stürzte, von denen eine sogar richtig war, ist eigentlich schon sehr beeindruckend. Der eigentliche Clou allerdings kam allerdings kurz vor der offiziellen Bekanntgabe durch den Präsidenten. Der Twitteruser @keithurbahn twitterte “So I’m told by a reputable person they have killed Osama Bin Laden. Hot damn.” Also in etwa: “Eine angesehen Person hat mir gesagt, dass sie Osama Bin Laden getötet haben…”

Ab diesem Zeitpunkt schwenkte Twitter komplett um, der Tweet von @keithurbahn verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Binnen Minuten war er von New York Times Reporter Brian Stelter retweeted worden, welcher ca. 50.000 Follower hat, und von diesem ging die Nachricht um die Welt. Man sollte dazu sagen, dass sich hinter @keithurbahn der ehemalige Stabschef von Donald Rumsfeld verbirgt, also eine durchaus bekannte Person in politischen Kreisen. Trotzdem ist es schwer beeindruckend, dass die Twittercrowd so effektiv zwischen Gerücht und Fakt entscheidet. Zumal Keith Urbahns Twitteraccount gerademal um die 1000 Follower hat.

Vor dem Tweet von Keith Urbahn war die Anzahl der Erwähnungen von bin Laden und Gaddafi auf Twitter etwa gleich hoch. Sie lagen zuletzt bei etwa 30 Erwähnungen in der Minute. Nach diesem Tweet stieg die Zahl der Erwähnungen von bin Laden innerhalb von wenigen Minuten auf mehrere 1000 - die Erwähnungen von Gaddafi blieben auf dem gleichen Nieveau.

Eine Visualisierung und einige Statistiken zu Verbreitung der Nachricht findet sich unter diesem Link auf dem Blog von socialflow.com:

http://blog.socialflow.com/post/5246404319/breaking-bin-laden-visualizin...

Wie entscheidet die Twittercrowd also zwischen richtig und falsch? Die Antwort ist nicht einfach, denn es kommen viele Faktoren zusammen. Da ist zum einen die Masse der Follower, die ein Account vorweist, und zwar die Masse echter Follower mit echtem Interesse an den eigenen Tweets.

Dann ist da aber auch der eigene Ruf, den man bei diesen Followern besitzt: Twittert man häufig drauflos? Hat man früher schon einmal wirklich neues in das Netzwerk eingespeist? Sind die eigenen Tweets vertrauenswürdig?

Natürlich zählt auch, wer man selber im richtigen Leben ist, und ob die eigenen Follower überhaupt wissen wer man ist.

Und es zählt natürlich, wer die eigenen Follower eigentlich sind und wen diese mit ihren Tweets erreichen!

Die Masse der eigenen Follower ist dabei am wenigsten entscheidend, viel wichtiger ist gerade auf Twitter der eigene Ruf, den man sich aufgebaut hat. Denn in einer 140 Zeichen Nachricht werden selten belegte Berichte gepostet, sondern eher Behauptungen. Die Verbreitung einer Nachricht auf Twitter basiert also auf Vertrauen. Wenn genügend Leute der Nachricht vertrauen, dann verbreitet sie sich weiter und weiter.

Das hohe Vertrauen, dass dem Tweet von Keith Urbahn geschenkt wurde hängt sicherlich mit mehreren Faktoren zusammen. Der Autor schreibt, dass er die Information von jemandem, dem er vertraut, bekommen hat. Er gilt selber als politischer Insider, und er hat mehrere Follower mit hohem Einfluss, die ihm selbst genügend Vertrauen schenken, um den Tweet weiter zu verbreiten.

Mit der Entscheidung, Inhalte auf Twitter zu Retweeten, geben Nutzer zugleich auch eine Bewertung ab: Ich sage, dieser Inhalt ist es wert retweetet zu werden! Und diese Bewertungsfunktion auf Twitter führt dazu, dass Twitter auch die Weisheit der Massen nutzt. Auf Twitter wird in diesem Sinne also Crowdsourcing für Informationen betrieben.

Interessant wird in Zukunft sein, wie man Twitter möglichst effektiv und schnell auswerten können wird. Wird es vielleicht in Zukunft Analysemöglichkeiten für den Dienst geben, die nahezu in Echtzeit funktionieren?

Weitere Informationen zu diesem Twitterereignis gibt es hier:
http://blog.socialflow.com/post/5246404319/breaking-bin-laden-visualizin...
http://blog.socialflow.com/post/5454638896/breaking-bin-laden-a-closer-look
http://www.nzz.ch/nachrichten/digital/twitter_meldet_tod_von_usama_bin_l...
http://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_wirtschaft/article13325459/K...

Kommentare

Dazu muss man dann aber auch sagen, dass die Reichweite von Twitter nur dann interessant wird, wenn der Funke in andere Kanäle überspringt (Blogs, Nachrichtenseiten usw.). Virale Nachrichtenverbreitung ist halt leider nicht kontrollierbar. :-)

zumindest normalerweise. Aber ein faszinierender Aspekt dieses Beispiels ist ja gerade, dass es eben ohne andere Kanäle auch funktioniert hat. Aber generell haben Sie natürlich recht!